Man schreibt das Jahr 1000.Soeben hat in Bagdad der Buchhändler Ibn an-Nadim seinen „Katalog der Wissenschaften veröffentlicht. Das Werk enthält in zehn Bänden die Titel aller bisher in arabischer Sprache erschienenen Bücher aus Philosophie, Astronomie, Mathematik, Physik, Chemie, Medizin.Studierende aus allen Gegenden des Orients und selbst aus dem Okzident lockt der Ruf von Cordobas hohen Schulen und von seiner Bibliothek, deren halbe Million Bücher einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, der vor vierundzwanzig Jahren verstorbene Kalif al-Hakam II. durch Dutzende von Aufkäufern gesammelt und größtenteils mit seinen Randbemerkungen versehen hat.In Kairo betreuen mehrere hundert Bibliothekare in den beiden kalifischen Bibliotheken zusammen zwei Millionen zweihundert Bände; das entspricht dem Zwanzigfachen des Bestandes an Buchrollen der einstigen Bibliothek von Alexandrien.„Es ist notorisch, daß es in Rom niemand gibt, der so viel Bildung besitzt, daß er sich zum Türsteher eignet. Mit welcher Stirn kann der sich anmaßen zu lehren, der selbst nichts gelernt hat! stöhnt der Mann, der am besten wissen muß, Gerbert von Aurillac, der im letzten der tausend Jahre nach Christo – 999 – selber in Rom den Stuhl Petri besteigt.In diesem Jahr verfaßt Abulkasis das durch Jahrhunderte gültige Standardwerk der Chirugie, erörtert Albiruni, an universaler Geistigkeit der Aristoteles der Araber, die Drehung der Erde um die Sonne, entdeckt Alhazen die Gesetze des Sehens und experimentiert mit der camera obscura und mit sphärischen, zylindrischen und konischen Spiegeln und Linsen.In diesem Jahr, in dem die arabische Welt dem Scheitelpunkt ihres goldenen Zeitalters entgegeneilt, erwartet das Abendland erschreckt, geängstigt das Ende der Zeiten. Mit dem ekstatischen Ausruf: „Jetzt kommt Christus, mit Feuer das Weltall zu richten! pilgert der zwanzigjährige Kaiserjüngling Otto III. „wegen begangener Verbrechen der strengen Regel des heiligen Romualdus gehorchend mit nackten Füßen von der Stadt Rom zum Berge Garganus.Und der junge Avicenna, eben zwanzigjährig wie er, beginnt die Welt mit seinem weithin strahlenden Ruhm zu erfüllen.
Sigrid Hunke